Als Ava das erste Mal auf die Fähre nach Kalangala stieg, dachte die 18-jährige Tübingerin, sie wisse, was sie erwartet. Sie hatte schon viele Outreaches der Gejja Women Foundation in Uganda begleitet, hatte über Menstruationsgesundheit aufgeklärt, und in praktischen Schulungen Frauen und Mädchen gezeigt, wie sie wiederverwendbare Damenbinden herstellen können. Aber als das Schiff den Anleger verließ und das Festland am Horizont verschwand, überkam sie ein leises, schwer zu greifendes Gefühl – als wäre sie im Begriff, eine unsichtbare Grenze zu überqueren.
Diese Grenze verteilt sich über 48 Kilometer Wasser, die Kalangala vom Festland trennen. Kalangala liegt auf Bugala Island, der größten der Ssese-Inseln im ugandischen Teil des Viktoriasees – dem zweitgrößten Süßwassersee der Welt. Auf seinen 84 Inseln, von denen 64 bewohnt sind, leben rund 60.000 Menschen. Kalangala ist ihr Verwaltungszentrum.
Was Ava dort sah, unterschied sich von den ländlichen Gebieten auf dem ugandischen Festland, die sie kannte. Wie auf vielen Inseln im Viktoriasee ist die Versorgungslage schwierig: Die Fähre fährt zwar mehrmals täglich, aber der Transport verteuert alles. Kleinere Inseln sind nur per Boot erreichbar. Dichte Palmöl-Plantagen lassen kaum Platz für eigene Landwirtschaft. Besonders deutlich wurden die Unterschiede, wenn das Team tief in die abgelegenen Communities fuhr – wie es für die Outreaches oft nötig war.
„Man hat das Bild im Kopf, das Europa von Armut hat – und normalerweise stimmt es überhaupt nicht“, sagt Ava, die im Sommer 2025 ihr Abitur gemacht hat und ein Jahr im Gejja-Team arbeiten will. „Aber wenn man weit draußen in den Gemeinden ist, merkt man, wie wenig dort ankommt, was zum Leben gehört. Selbst einfachste Dinge wie Stoff für die Menstruation kann sich kaum jemand leisten.“
Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist in diesen Gebieten ausgeprägt: Fischer ziehen von überall her auf die Inseln, während Frauen und Mädchen kaum Möglichkeiten haben, sie zu verlassen. Die HIV-Prävalenz lag laut Studien zeitweise bei rund 27 Prozent. Staatliche Schutzstrukturen sind in den abgelegenen Teilen der Insel kaum vorhanden. Frauen sind wirtschaftlich oft von Männern abhängig – denn außer dem Fischfang gibt es wenige Erwerbsmöglichkeiten.
Als Ava mit dem Safe-Girl-Team der Gejja Women Foundation für zwei Wochen nach Kalangala fuhr, waren sie nicht allein: etwa zehn Menschen – Trainerinnen, ein Fotograf und ein Fahrer – reisten mit zwei Fahrzeugen zu Schulen und Gemeinden auf der Insel, täglich zwei bis vier Orte. Die erste Woche gehörte den Grundschulen, die zweite den Gemeinden. In beiden ging es um dasselbe: Menstruationsgesundheit, Hygiene, Wissen – und Hände, die lernen, selbst Binden zu nähen. „Ich freue mich immer sehr darüber, wenn die Frauen und Mädchen uns vertrauen und in Gesprächen ihre eigenen Erfahrungen schildern.“ So wie in Kalangala.
Jede Teilnehmerin erhielt ein Safe-Girl-Kit: zwei wiederverwendbare Binden, einen Slip, eine organische Mückenschutzseife und eine Aufbewahrungstasche. Für viele ein Novum. Menstruationsprodukte sind auf Kalangala kaum verfügbar – und wenn, dann für die meisten unbezahlbar. In Uganda gibt es Organisationen, die gegen Menstruationsstigma kämpfen. Aber kaum jemand richtet den Fokus auf die Inseln – genau dort, wo der Bedarf am größten ist.
Ava hat bei den vielen Outreaches viel Erfahrung gesammelt, aber die Fahrten tief in die Gemeinden auf Kalangala haben sich eingebrannt: die Kumulation der Entbehrungen, die Nähe und gleichzeitige Abgelegenheit, das Schweigen über Körper und Rechte. Was bleibt, sind Organisationen wie die Gejja Women Foundation, die mit Wissen und einfachen Hilfsmitteln zeigen: Ihr seid nicht übersehen. „Für mich ist es immer das Schönste, wenn unser Team nach einem langen Tag am Abend zusammensitzt und gemeinsam das Gefühl haben, dass wir viel geschafft haben.“














